Kreuzfahrten – Traumurlaub oder Umweltalptraum? Eine Bestandsaufnahme

Ja, wir geben es zu: Wir lieben Kreuzfahrten! Über das weite Meer schauen und an jedem neuen Morgen vor einer anderen imposanten Kulisse aufwachen, das ist für uns die beste Art Urlaub zu machen. Denn wir wollen die Welt sehen und zwar möglichst viel davon. Denn die Welt ist schön – unsere Meinung nach soll sie das aber auch bleiben. Das muss nicht unbedingt ein Widerspruch sein. Eine Bestandsaufnahme.

Die Kreuzfahrtbranche ist eine der Urlaubssparten, die derzeit wohl am meisten polarisiert. Die Kritik, die von Umweltschutzorganisationen aufgeworfen wird, ist dabei aber nicht neu. Mit dem derzeitigen Boom wird sie aber zunehmend lauter und man kann deutlich beobachten, wie sich zwei Lager bilden. So hat der NABU pünktlich zum größten Kreuzfahrtfestival der Welt, den Hamburg Cruise Days, Anfang September das Kreuzfahrtranking 2017 präsentiert und der europäischen Kreuzfahrtbranche weiterhin eine schlechte Umweltbilanz bescheinigt. Aber muss man sich deshalb tatsächlich entscheiden zwischen einer Kreuzfahrt und dem Umweltschutz?

Was wird kritisiert?

Eine Kollegin erzählte mir einmal von ihren Kreuzfahrten der 80er und 90er Jahre, wo man nichts Weißes auf Deck habe tragen können, da der Ruß darauf allzu sichtbar wurde. So hielt man es dann damals auch, einfach nichts Weißes tragen, passt schon und Prost. An dieser kleinen Anekdote wird das Problem aber auch die bisherige Weiterentwicklung sichtbar. Weiß kann man heute durchaus tragen – so schlimm ist es nicht mehr aber auch heute noch gibt es Ruß und Feinstaub und andere Schadstoffe. Man sieht es nur nicht mehr. Im Prinzip entspricht dies genau dem Sachstand der ganzen Misere: Nichts ist so richtig schwarz und weiß in dieser Diskussion. Wir befinden uns vielmehr in einer Grauzone, zwischen Problemerkenntnis und Problemlösung.

Zum Einstieg in die Diskussion ist es hilfreich zu wissen worüber man überhaupt spricht: Der Anteil der Kreuzfahrtschiffe an der Gesamtschifffahrt beträgt nicht einmal 1 % – die genauen Zahlen fallen in der öffentlichen Diskussion dabei aber stark auseinander und variieren zwischen etwa 300 bis zu über 500 Kreuzfahrtschiffen, je nach Zählweise. Dessen ungeachtet dürfte die Kreuzfahrtbranche danach im Grunde kaum ins Gewicht fallen, das öffentlichkeitswirksame Wachstum wird von Umweltschutzorganisationen hierbei aber insoweit als nachteilig für die Umwelt herausgestellt, als dass die Umweltbilanz der Kreuzfahrtschiffe als ungleich schlechter eingestuft wird. Dabei wird unter anderem auf die Pro-Kopf-Emissionen abgestellt. Während ein Containerschiff also in der Regel seinen Soll von A nach B befördert, transportiert ein Kreuzfahrtschiff natürlich nicht so viele Menschen wie es geht, sondern nur so viele wie es für einen reibungslosen Urlaubsbetrieb Sinn und auch Spaß macht. Gelegentlich werden die entstehenden Emissionen auch noch mit dem Straßenverkehr oder auch dem Luftverkehr verglichen, wogegen sie ebenfalls ungleich höher ausfallen.

Faktisch teilt sich die Kritik grob gesagt in zwei Teile, das sind zum einen die Auswirkungen auf die Umwelt, zum anderen sind es auch die Auswirkungen auf den Einzelnen. Festgemacht wird dies an den großen Schlagworten Feinstaub- und Rußemissionen sowie dem Schadstoffausstoß, allen voran der CO2-Belastung sowie den Schwefel- und Stickstoffemissionen. Ursache ist im Wesentlichen die Verwendung von Schweröl als Treibstoff, einem Abfallprodukt der Ölindustrie, dessen Schadstoffe bei der Verbrennung nahezu ungefiltert in die Luft gepustet werden. An Land wird Schweröl als Sondermüll behandelt und darf nicht als Treibstoff verwendet werden.

Was wird gefordert?

Auf dem Parkett der Ansichten ist hier eigentlich alles vertreten, dies schlägt sich dann auch in den Forderungen nieder. Im Wesentlichen reicht die Bandbreite von radikalen Boykottaufrufen (noch radikalere gesetzwidrigere Aufrufe einmal außen vor gelassen) über Kompensationskonzepte (Möglichkeit des finanziellen Ausgleichs der negativen CO2-Bilanz der Kreuzfahrt) bis hin zu schlichter Aufklärung. Eine totale Abstinenz von Kreuzfahrten wird in letzter Konsequenz von vielen Umweltschutzvereinigungen aber nicht gefordert. Viele beschränken sich vielmehr darauf, die Kreuzfahrtindustrie sehr deutlich zu Verbesserungen und umweltgerechten Weiterentwicklungen aufzufordern. Dies beinhaltet beispielsweise die Forderung Rußpartikelfilter sowie Stickoxidkatalysatoren zu verwenden oder ggf. nachzurüsten (Mein Schiff 3, 4, 5 und 6 sowie die Europa 2 verfügen bereits über SCR-Katalysatoren) und in der Konsequenz auch auf alternative Treibstoffe gegenüber dem bisher im Einsatz befindlichen Schweröl zurückgreifen.

Sind die geforderten Alternativen realistisch?

Alles steht und fällt natürlich mit der Bereitschaft der Reedereien auf Alternativen zurückzugreifen. Was die Treibstoffe angeht, ist die klare Antwort aber ja, das kann man fordern, denn diese Alternativen gibt es bereits. So kann grundsätzlich auch Marinediesel als Treibstoff eingesetzt werden, dieser ist aber teurer und wird derzeit nur in begrenzter Menge hergestellt, sodass er bisher im Grunde nur zusätzlich in Häfen zum Zuge kommt, die geringere Emissionswerte vorschreiben. Auch dieser Treibstoff ist aber nicht unbedenklich – wer kennt die Diesel-Diskussion nicht. Als weitere Alternative greifen daher einige Kreuzfahrtschiffe in Häfen auch auf Landstrom zurück. Eine Lösung ist aber gerade für die Fortbewegung auf dem Wasser erforderlich. Hierzu ist gerade zuletzt das Flüssiggas LNG zu größerer Bekanntheit gelangt, denn dessen künftiger Einsatz wird zurzeit insbesondere von AIDA auch für die tatsächliche Fahrt und nicht nur den Hafen vorbereitet: Die für Ende 2018 angekündigte AIDAnova soll ausschließlich mit LNG betrieben werden können. Die Carnival Corporation zu welcher AIDA gehört, kündigte kürzlich an, bei der bauausführenden Meyer Werft noch 6 weitere Kreuzfahrtschiffe mit eben diesem Antrieb geordert zu haben. Auch Royal Caribbean, MSC und Disney Cruises sollen LNG-betriebene Kreuzfahrtschiffe in Planung haben. Der Vorteil von LNG liegt dabei auf der Hand: kein Feinstaub, kein Schwefel, kein Schwermetall, weniger Stickoxide. Im Hinblick auf die CO2-Bilanz bedarf es allerdings einer klugen technischen wie logistischen Planung, um die positiven Effekte des Treibstoffs bestehen zu lassen.

Die Alternativen sind damit nicht nur realistisch, sondern scheinen im Hinblick auf die Verwendung des Flüssiggases LNG sogar als greifbar betrachtet werden zu können. Kürzliche Initiativen der Politik in Richtung einer Steigerung der LNG-Nutzung in der Schifffahrt insbesondere durch Infrastrukturentwicklungen und erweiterte Fördermöglichkeiten lassen die Hoffnung zu, dass es sich bei diesen Bestrebungen nicht nur um Luftnummern handelt.

Wo steht die Diskussion?

Die aktuelle Diskussion ist leider mitunter von gegenseitigen Vorwürfen der beiden Lager geprägt: Der NABU beanstandet die Intransparenz der Branche und dabei insbesondere die Initiative des Branchenverbandes Cruise Lines International Association (CLIA). Dieser wiederum wirft dem NABU fragwürdige Messmethoden vor – die Rußpartikelmessungen entsprächen nicht wissenschaftlichen Standards. Wie soll sich da der Verbraucher eine Meinung bilden können? Es scheint schon fast eine Frage des Glaubens zu sein, Wirtschaftslobby oder Umweltlobby, wer ist mein Verein?

Dass viele im Lichte dieser Grundsatzstreitigkeiten die Ohren verschließen, erscheint zwar wenig verwunderlich, dient aber nicht der Lösungsfindung. Desto mehr Menschen Gleichgültigkeit signalisieren, desto eher wird es den Reedereien möglich auf Zeit zu spielen. Denn ob die Umweltverbände schreien oder in Hamburg fällt die berühmte Schaufel um. So hart das klingt aber das Aufeinandertreffen von Umwelt- und Wirtschaftsinteressen ist nun einmal nichts Neues – obwohl man in Korrektur dieses Sprichwortes gerade der Stadt Hamburg zugutehalten muss, dass diese aus Umweltschutzerwägungen tatsächlich Maßnahmen zur Ausweitung der Landstromversorgung getroffen hat. In letzter Instanz wird aber vielfach nur der potentielle Gast das nötige Druckmittel darstellen, bei den Reedereien Fortschritt einzufordern und dieser ist dringend nötig.

Stickoxidkatalysatoren und Filter- bzw. Nachbehandlungsanlagen sind ein erster Schritt, auch technische Verbesserungen im Schiffsbau wie etwa neuartige Methoden zur Luftschmierung (Verminderung des Widerstands durch Ausleitung vieler kleiner Luftblasen unter dem Schiffsboden) oder innovative Lackierungen zur Senkung des Widerstands stellen eine Weiterentwicklung dar. Es bedarf aber auch einem weiteren Tätigwerden des Gesetzgebers im Form des Setzens von Anreizen oder im Hinblick auf die Implementierung einzuhaltender aber auch realistischer Grenzwerte. Diese existieren teilweise bereits. So darf in Nord- und Ostsee nur Schweröl mit einem Schwefelgehalt bis zu 0,1 % verbrannt werden. Ab 2020 soll weltweit ein Höchstwert von 0,5 % eingehalten werden.

Neubauten wie die AIDAnova sind sodann ein weiterer Anstoß im Sinne von „es geht auch anders“. Die Zeit muss aber erst zeigen, ob der Verbraucher dies tatsächlich auch annimmt, denn noch ist nicht bekannt, ob eine Reise mit einem umweltschonenden Kreuzfahrtschiff auf Daner teurer sein wird als andere Kreuzfahrtreisen. Dies ließe sich zwar aus den ggf. höheren Anschaffungs- und Unterhaltungskosten rechtfertigen, würde dem Sinn aber diametral entgegenlaufen. Ein kluges Marketing inklusive einer Reederei-internen Umlage der Mehrkosten ist definitiv wünschenswert, denn auch wenn der Trend in Richtung Umweltschutz geht, wie viele Personen sind tatsächlich bereit, dies auf ihrer Abrechnung zu sehen? Wer würde es im Gegenzug schon groß merken, wenn alle Reisen ein klein wenig teurer werden, wer von der eingeschworenen Kreuzfahrt-Fanbase würde da abtrünnig werden? Wohl kaum einer – was man nicht weiß, macht einen nicht heiß.

Was bedeutet das für mich?

In Anbetracht der für Laien recht undurchsichtigen Sachlage kann es keine verbindliche Handlungsanweisung geben. Vielmehr ist es wie immer im Leben, man muss schon selbst entscheiden, wo der persönliche goldene Weg liegt. Das eigene Gewissen ist dabei im Grunde immer ein guter Kompass.

Im Zeiten der Negierung der globalen Erwärmung sogar durch hochrangige Politiker (eine namentliche Nennung dürfte entbehrlich sein) sollte man sich aber zumindest mit der Problematik auseinandersetzen und diese nicht schlicht ignorieren. Dass es tatsächlich ein Problem gibt, sollte niemand mit etwas Gehirnschmalz ernsthaft anzweifeln können. Die Konsequenz muss aber nicht totale Abstinenz sein. Die Weiterentwicklungen machen Hoffnung und dienen als Ansporn für andere Reedereien – es ist aber nötig diesen Druck aktiv aufzubauen und auch aufrecht zu erhalten.

Und das kann jeder tun.

Was meint ihr? Wie steht ihr zu Diskussion um dem Stellenwert des Umweltschutzes in der Kreuzfahrtbranche? Nervig oder notwendig?

Ein Gedanke zu “Kreuzfahrten – Traumurlaub oder Umweltalptraum? Eine Bestandsaufnahme

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